„Israel ist nicht Teheran“, hieß es zur Jahreswende auf den Postern israelischer Demonstranten, die gegen die Radikalisierung ihrer Gesellschaft protestierten. Zahlreiche Zwischenfälle schürten im Land die Angst vor Extremismus, der immer größeren Bereichen des öffentlichen einen religiösen Anstrich geben will. Eine Grundschülerin aus Beit Schemesch wurde angepöbelt, weil ihr Rock Zeloten nicht lang genug war. In Jerusalem forderten Religiöse die Geschlechtertrennung in öffentlichen Bussen, ja sogar getrennte Bürgersteige. Religiöse Soldaten boykottierten Veranstaltungen der Armee, weil Soldatinnen sangen. Werbekampagnen in Jerusalem bildeten keine Frauen mehr ab, weil die Werbefirma Vandalismus religiöser Fanatiker befürchtete. Staatspräsident Schimon Peres zeigte sich besorgt über den Trend und rief die Bürger zu Protestkundgebungen auf: „Die gesamte Nation muss die Mehrheit vor dieser kleinen, militanten Minderheit retten“, sagte Peres. Wird Israels westliche, liberale Demokratie tatsächlich von Ultra-Orthodoxen gefährdet?
Der Soziologe Mordechai Kremnitzer vom Israelischen Institut für Demokratie, ein liberaler Thinktank, spricht von einem Machtzuwachs der Haredim (Hebräisch: „Gottesfürchtigen“), wie sich die Ultra-Orthodoxen selber nennen. Sie haben im Durchschnitt drei Mal mehr Kinder als andere Paare. Somit stellen sie zwar nur 10% der Bevölkerung, aber rund ein Viertel der Erstklässler. Zusammen mit national-religiösen Siedlern stellen ihre Kinder inzwischen mehr als die Hälfte jüdischer Erstklässler. Dank ihrer Demographie hätten sie „in der Koalition von Premier Benjamin Netanjahu so viel Einfluss wie noch nie“, sagt Kremnitzer. Oppositionsführerin Livni sieht die Frauenfeindlichkeit als Facette eines Rechtsrucks und einer Radikalisierung der gesamten Gesellschaft. So wurden in vergangenen Wochen Moscheen wiederholt Ziel fremdenfeindlicher Übergriffe, Friedensaktivisten berichten von Drangsalierung durch militante Siedler. Die Regierung weigert sich, regimekritischen Medien finanziell zu Hilfe zu kommen, und könnte so ihre Schließung herbeiführen. Zunehmend drakonische Gesetzesvorschläge könnten, so fürchten Bürgerrechtler, den Spielraum regimekritischer Nichtregierungsorganisationen einschränken, vor allem nachdem es der Koalition gelang, Richter ihrer Wahl zum Höchsten Gerichtshof zu ernennen. Darunter befindet sich auch der religiöse Siedler Noam Solenberg, der künftig Grundsatzurteile über die Trennung zwischen Staat und Religion oder über den Siedlungsbau im besetzten Westjordanland fällen wird.
Othniel Schneller, ein religiöses Knessetmitglied aus Livnis Kadima Partei, ist dennoch nicht besorgt: „Natürlich gibt es extremistische Gruppen. Sie erhalten aber zu viel Aufmerksamkeit“, sagt Schneller. „Es sind Kriminelle, die polizeilich behandelt werden müssen. Es ist ein Fehler, alle Haredim in denselben Topf zu werfen. Viele wollen sich öffnen, mit der Gesellschaft kooperieren.“ Als Beispiel nennt er neue Gesetze, die er mit Hilfe orthodoxer Parteien durchsetzte, und die einen radikalen Wandel in dieser Gesellschaft darstellen, wie die Anerkennung des Hirntods, um Organspenden zu ermöglichen, oder die stille Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen. Der neue Aufruhr diene „neuen Parteien, die mit der Polarisierung Stimmen sammeln wollen.“
Die Debatte um Religion und Staat ist so alt wie Israel selbst. Der erste Premier David Ben Gurion schuf in vier Bereichen einen „Status Quo“, um die Unterstützung der Haredim zu sichern: Der Sabbath wurde offizieller Ruhetag, in Regierungseinrichtungen servieren nur koscheres Essen, Zivilehen können in Israel nicht eingegangen werden, und die Haredim erhielten ein autonomes Erziehungssystem. Die Umsetzung dieses Status Quo war jedoch von jeher umstritten: Dürfen Kinos und Restaurants am Samstag öffnen, Busse am heiligen Wochentag fahren? Stets dann, wenn die Bedrohung von außen abnimmt, kocht die Debatte um diese Fragen hoch. Teile der haredischen Gesellschaft mögen fanatischer geworden sein, gleichzeitig wurden große Teile des Landes säkularer. Während Kinder in Orthodoxenvierteln in Jerusalem angepöbelt werden, weil sie Röcke in der vermeintlich anzüglichen roten Farbe tragen, wurde Tel Aviv diese Woche zum „besten Reiseziel für Homosexuelle weltweit“ gekrönt. Hier ist es inzwischen schwer geworden, ein koscheres Restaurant zu finden, Samstags haben viele Geschäfte geöffnet. So scheint Israel insgesamt nicht religiöser geworden zu sein – die Pole dieser vielschichtigen Gesellschaft gehen jedoch immer weiter auseinander.
© 2011 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable