Der 32-jährige Mazen Abdul-Jawad aus dem saudi-arabischen Dschidda wollte nur mit seiner Virilität protzen. Doch im prüden Königreich könnte ihn das buchstäblich den Kopf kosten. Seitdem der junge Saudi einer libanesischen Talkshow von seinen sexuellen Eskapaden erzählte, sitzen er und drei seiner Freunde wegen „Kapitalverbrechen gegen die Scharia“, das islamische Gesetz, in Haft. Die Büros des Fernsehsenders wurden geschlossen.
Mittwochabends gibt es in der arabischen Welt öfters Skandale. Pünktlich um halb zehn beginnt hier auf dem Sender LBC die Sendung „Dicke Rote Linie“. Es will Tabus brechen und gewährt Einblick in den Alltag ungewöhnlicher Mitbürger. Sogar Homosexualität, in manchen muslimischen Ländern ein Verbrechen, auf das die Todesstrafe steht, wurde hier bereits besprochen.
Am 15. Juli erschien Mazen Abdul-Jawad auf dem Bildschirm. Der junge Angestellte einer saudischen Fluggesellschaft erzählte vor laufender Kamera über sein Intimleben. Modisch in ein rotes Hemd gekleidet, führte er das Team in sein Schlafzimmer und erklärte:„Hier geht alles ab.“ Freimütig sprach er von seinen ersten sexuellen Erfahrungen, die er als 14-jähriger mit seiner Nachbarin sammelte. Danach demonstrierte er die Benutzung von Sexspielzeugen und erklärte wie man einen Liebestrunk mischt. Danach gab der geschiedene Vater von vier Kindern Tipps zur Frauenjagd. Er stieg mit dem Kamerateam in sein Auto und fuhr zu einem Einkaufszentrum. Hier, so Jawad, nehme er mit Hilfe seines Bluetoothgeräts mit den weiblichen Besuchern des Zentrums Kontakt auf.
In Saudi Arabien ist es Frauen strengstens verboten, mit fremden Männern einen Kaffee zu trinken oder auch nur im selben Auto zu sitzen. Selbst in den Häusern haben Frauen oft einen eigenen Trakt, den männliche Besucher nicht betreten dürfen. Unehelicher Sex ist strengstens verboten, öffentlich über ein moralisches Vergehen zu sprechen ist strafbar. Kein Wunder also, dass Abdul-Jawads Interview Aufruhr auslöste. Innerhalb weniger Tag wurden mehr als 200 Anzeigen erstattet. Dann verhaftete die Polizei den jungen Mann und drei seiner Freunde, die ebenfalls in dem Interview zu sehen waren. Noch wurde keine Anklage erhoben, aber sie könnte auf „Hiraba“ lauten, die „unerlaubte Kriegsführung in Wort oder Tat gegen Staat und Gesellschaft“. In diesem Fall droht Abdul-Jawad Haft oder die Peitsche, im schlimmsten Fall sogar der Tod.
„Alle die Saudi Arabien noch nicht kennen sollten lernen dass unsere Politik auf einer sehr strengen Haltung in Fragen der Religion, Werten, Moral und unserem Staat beruht“, sagte Abdul Rahman al-Hazza, Sprecher des Ministeriums für Kultur und Information. Auf Anordnung des Ministeriums wurden die Büros von LBC auf unbestimmte Zeit versiegelt. „Es ist eine klare Botschaft an alle Medien, die dem Ruf unseres Königreiches schaden wollen“, sagte al-Hazza.
Der Sender, der dem saudischen Multimilliardär Prinz Alwalid bin Talal gehört, hat zu dem Zwischenfall bisher nicht Stellung genommen. Bin Talals Medienunternehmen befinden sich seit geraumer Zeit im Visier der Puristen, weil der reichste Araber der Welt ihrer Meinung nach „unmoralische“ Sendungen westlicher Herkunft ausstrahlen lässt. Vor einem Monat gelang es ihnen, Alwalid im letzten Augenblick zur Absage eines geplanten Filmfestivals in Dschidda zu zwingen. Abdul-Jawad zeigt sich angesichts des Aufruhrs und der ihm drohenden Strafe reuig. Er entschuldigte sich für sein Interview und erklärte, der Sender habe die Aufnahme verfälscht.