Auch zwei Tage nach dem Attentat auf ein Jugendzentrum der Homosexuellen Gemeinde in Tel Aviv, bei dem ein unbekannter Täter zwei Menschen tötete und 15 verletzte, kommt Israel nicht zur Ruhe. Das Land ist in zwei Lager gespalten. Das säkulare Israel stellt sich solidarisch hinter die Gemeinde der Homosexuellen. Gemeinsam beschuldigt man Rabbiner und religiöse Politiker, eine Atmosphäre des Hasses geschaffen zu haben, die den Anschlag ermöglichte. Das Attentat dominierte gestern die Presse, ganze Beilagen widmeten sich dem Leben der Homosexuellen im Land. Eine Karikatur setzte Rabbiner an einen Tisch mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, dem größten Staatsfeind Israels. Die populäre Tageszeitung Maariv prangerte in einem Kommentar die Orthodoxen an: das Töten, nicht die Liebe zwischen zwei Männern, sei eine Perversion; scheinheilige Rabbiner hätten die Jugendlichen in dem Homosexuellenclub für vogelfrei erklärt, nicht direkt, nicht laut, aber insgeheim in wöchentlichen Predigten.
Während die religiöse Presse das Attentat größtenteils ignorierte, um ihrer isolierten Leserschaft nicht über Homosexualität in Israel berichten zu müssen, versuchte das Establishment gestern, sich gegen die Anschuldigungen zu wehren. Nachdem es zuerst den Anschlag unmissverständlich verurteilt hatte, warf man gestern den Homosexuellen vor, das Attentat zur Hetze gegen Religiöse zu missbrauchen. Es sei noch gar nicht klar, ob es sich wirklich um ein Hassverbrechen gehandelt habe. Selbst die Polizei erklärte inzwischen, dass sie auch in andere Richtungen ermittle. Auch ein Streit und nicht Hass könnte Motiv für den Anschlag gewesen sein. Von dem Täter fehlt weiterhin jede Spur.
Die Trennlinien zwischen den Lagern verwischten sich gestern, als hunderte Orthodoxe in das Gemeindezentrum der Homosexuellen kamen, um ihre Solidarität und Anteilnahme zu demonstrieren. Das Attentat mag ein schwerer Schlag für die Gemeinde gewesen sein. Trotzdem hoben einige Sprecher hervor, dass Israel in seiner Beziehung zu Homosexuellen eines der fortschrittlichsten Länder der Welt ist. Homosexuelle genießen hier mehr Rechte als in den meisten westlichen Demokratien. Seit 1953 werden homosexuelle Akte in Israel nicht mehr strafrechtlich verfolgt, seit 1988 dürfen Homosexuelle am Arbeitsplatz nicht mehr diskriminiert werden. Im Jahr 1994 erhielten gleichgeschlechtliche Lebensgefährten ähnliche Privilegien wie Ehepartner. Seit dem Jahr 2000 ist gleichgeschlechtlicher Sex ab dem 16. Lebensjahr gestattet. Homosexuelle Paare können Kinder adoptieren, im Ausland verheiratete Paare können auch in Israel als Ehepartner eingetragen werden.
Dies steht im krassen Gegensatz zur arabischen Umwelt. Im Iran hingegen ist Homosexualität strafbar, schwuler Sex wird hier und in Saudi Arabien mit der Todesstrafe geahndet. Nicht zuletzt suchen palästinensische Homosexuelle Zuflucht in Israel.