Nach 20 Jahren ist es endlich so weit. Die Fatah, die wichtigste palästinensische Partei, die zuerst den bewaffneten Kampf und später die Verhandlungen mit Israel führte, hat ihren Parteitag in Bethlehem eröffnet. In der Geburtsstadt Jesu war die Vorfreude unverkennbar. In der Nacht zum Dienstag säumten hunderte Polizisten die Straßen, die mit gelben Fatah-Fahnen und Postern des legendären Führers Jassir Arafat geschmückt waren. Vor den großen Hotels der Stadt, in denen die mehr als 2000 Delegierten aus rund 70 Ländern untergebracht sind, herrschte die ausgelassene Stimmung eines Klassentreffens. Schnauzbärtige Männer begrüßten sich mit Küsschen auf beide Wangen, standen kettenrauchend herum und diskutierten über die Situation.
Der Parteitag ist für die Fatah nicht nur historisch, sondern entscheidend. Allen ist klar, dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht. Es gibt viel zu besprechen. Die Verhandlungen mit Israel sitzen fest. Die Partei verlor 2006 zuerst die Wahlen gegen die Hamas, ein Jahr später den Gazastreifen im Kampf gegen die Islamisten. Eine als „alte Garde“ bekannte Gründergeneration weigerte sich bisher, ihre Macht zu teilen, und spaltete so die Partei innerlich.
In Palästina hat man deswegen wenig für die Fatah übrig. Deutlich war in den Straßen Bethlehems die Geringschätzung der Bevölkerung spürbar, als Fatah-Funktionäre in hunderten klimatisierten Limousinen und schwarzen Geländewagen einen Verkehrsinfarkt auslösten. Selbst Fatahmitglieder wie Tareq Abu Hamdieh, ein junger Parteiaktivist aus Hebron, bezeichneten die Führung als korrupt:“Diejenigen, die mit Israel verhandelt haben, sind zu Geschäftsleuten geworden. Sie haben unser Volk vergessen.“
Die Konferenz verdeutlicht, wie weit die Meinungen innerhalb der Fatah auseinanderklaffen. Am Eingang des „Bethlehem Hotel“ begrüßte der ehemalige Fatah Kämpfer Zakariah Sbeidi seine Anhänger. Das jungenhafte Gesicht dieses Erzterroristen der zweiten Intifada ist von Spuren einer Explosion gezeichnet. Er spricht vom bewaffneten Widerstand als einen der wichtigsten Pfeiler der Fatah. Wenige Meter entfernt umarmte in der Lobby Sari Nusseiba alte Bekannte. Nusseiba ist Universitätsprofessor, der sich für eine friedliche Koexistenz mit Israel ausspricht.
Alle machen Israel für ihre Misere verantwortlich, aber viele sahen auch andere Schuldige. „Unsere Führung ist schuld, sie muss den Preis zahlen“, sagt Muhib Salamah, ein Abgeordneter aus dem Westjordanland. Einzig Präsident Machmud Abbas will er weiter im Amt sehen, nicht, weil es ihm gebürt, sondern „weil unsere Bewegung jetzt keine dramatischen Veränderungen aushalten kann.“ Abu Hamdieh ist anderer Meinung:“Abbas ist schwach und sollte gehen.“
Der Parteitag will ein Parteirogramm verabschieden und eine neue Führung wählen. Mehr als 400 Kandidaten bewerben sich um einen Sitz im Revolutionsrat, jeweils fünf um jeden der 18 Plätze des Zentralkomitees. „Das ist ein Zeichen unserer tiefen Krise. Jeder nominiert sich selbst“, sagt Salameh. Die Grundsatzdebatte um das Parteiprogramm wird sich ähnlich schwierig gestalten wie die Wahlen.
Nur in einem Punkt waren sich alle Gesprächspartner einig. Der Niedergang ihrer Bewegung wurde hauptsächlich durch eine Sache ausgelöst: die Abkehr vom bewaffneten Kampf gegen Israel und den gescheiterten Friedensverhandlungen. „Der bewaffnete Widerstand ist eine Grundfeste der Fatah“, sagt auch Jamal Lafe aus Jerusalem. „Unser Fehler war, dass wir eine Partei geworden sind, obwohl wir eine Befreiungsbewegung sein sollten. Freiheit hat ihren Preis, aber unsere Führer wollen ihn nicht zahlen“, sagt Abu Hamdieh, dessen Vater in Israel inhaftiert ist.
Entsprechend martialisch war der Saal in der katholischen Terra Santa Schule, in dem sich die mehr als 2000 Delegierten gestern versammelten, geschmückt. Poster von Märtyrern mit Maschinenpistolen verzierten die Wände, Banner deklarierten den bewaffneten Kampf zum „legitimen Recht“. Fatahkommandant Abbas versuchte in seiner Eröffnungsrede gleichzeitig kämpferisch und friedlich zu klingen:“Wir müssen an Gesprächen festhalten, solange es auch nur ein kleines bisschen Hoffnung auf Frieden gibt.“ Doch dann sagte er:“Obschon wir uns für Frieden entschieden haben, behalten wir uns das Recht auf Widerstand vor.“ Nach seiner Rede zogen die Abgeordneten sich zu Besprechungen hinter verschlossenen Türen zurück.