Seit dem Wochenende verläuft wieder eine Front mitten durch Kairo – komplett mit Feldlazaretten, Sperrzonen, Barrikaden und Straßenschlachten. Die Versuche der Militärs, die Demonstranten zu beruhigen, sind vorerst erfolglos. Einzig die Muslimbrüder wollen noch verhandeln, um ihren erwarteten Sieg bei den Parlamentswahlen kommende Woche nicht zu gefährden. Die meisten anderen Bewegungen drängen hingegen auf ein bindendes Versprechen der Armee, bis zum 30. April die Macht wieder Zivilisten zu überantworten.
Ägypten steuert scheinbar unaufhaltbar auf eine gewaltige Machtprobe zu. Seit Freitag töteten Soldaten und Polizisten mindestens 26 Bürger und verletzten Hunderte. Der Oberste Militärrat (SCAF), der das Land seit dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak im Februar mit dem Ausnahmerecht regiert, war nach dem brutalen Vorgehen seiner Truppen bemüht, die Gemüter zu beruhigen. Die Ägypter sollten „die Ruhe bewahren und eine stabile Atmosphäre für den politischen Prozess schaffen“, hieß es in einer Verlautbarung, die alle politischen Kräfte zu einem „nationalen Dialog“ aufrief. Die inzwischen diskreditierte Regierung bot ihren Rücktritt an. Laut Medienberichten erwägen der SCAF nun, den regimekritischen Präsidentschaftskandidaten Muhammad al Baradei al neuen Premier für die Übergangszeit einzusetzen. Auch in anderen Punkten kamen die Generäle den Demonstranten, die das Ende der Militärherrschaft fordern, entgegen. Sie versprachen die Einrichtung einer Untersuchungskommission für die Ereignisse des Wochenendes und erließen ein lang gefordertes Gesetz, das es Vertretern des gestürzten Regimes Mubaraks erschweren soll, an den für kommende Woche angesetzten Wahlen teilzunehmen. Doch die Ägypter schenken den Versprechen ihrer Armee keinen Glauben mehr. Zu oft wurden sie bereits enttäuscht.
Ein neuer Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI), der noch vor den Zusammenstößen am Wochenende verfasst wurde, wirft Licht auf einen Teil der Hintergründe der neuen Eskalation. Auf 67 Seiten dokumentiert AI, dass die Unterdrückung nach dem Sturz des Diktators Mubarak für den Durchschnittsbürger nur schwerer wurde. Die Anwendung der Todesstrafe wurde ausgedehnt, neue Verstöße, wie die „Beleidigung der Armee“ oder die „Verbreitung von Gerüchten“, zum Strafgesetzbuch hinzugefügt. Journalisten und Blogger werden seit Monaten eingeschüchtert, verhört oder verhaftet, manche für skurrile Delikte von Militärtribunalen für Jahre hinter Gitter geschickt. Zeitungen wurden konfisziert, Fernsehsender geschlossen. Statt demokratische Strukturen zu fördern, hat der SCAF das Streikrecht eingeschränkt und Arbeiterproteste kriminalisiert. Die Lage der Schwachen habe sich besonders verschärft: Übergriffe auf die religiöse Minderheit der christlichen Kopten, die etwa 10% der Bevölkerung, hätten enorm zugenommen. Neue Gesetze machten die behutsame Emanzipation der Frauen unter der Herrschaft Mubaraks zunichte. Statt Quoten zu erfüllen müssen Parteien jetzt nur noch eine Frau in ihren Listen aufführen, egal auf welchem Platz. Unter den vom SCAF neu ernannten Funktionären befindet sich keine einzige Frau.
Doch letztlich brachte der Versuch des stellvertretenden Premierministers Ali as-Silmi, vor den Wahlen eine bindende Verfassung zu erlassen, das Fass zum Überlaufen. Sein Entwurf sah die Autonomie des Militärs vor „Einmischung“ gewählter Regierungen vor, und zementierte die Idee eines „zivilen Staates“. Das rief die Muslimbruderschaft auf den Plan, die am Freitag erstmals einen Massenprotest gegen den SCAF veranstaltete. Sie willen dass sich Ägypten an der Scharia orientiert. Doch seither entgleitet den beiden mächtigen Akteuren – der Armee und den Muslimbrüdern – die Kontrolle über das Geschehen. Sie wollen die Gewalt in den Straßen eindämmen, um die Wahlen kommende Woche nicht zu gefährden. Man werde „an keinem Protest teilnehmen, der zu Auseinandersetzungen führen könnte“, teilte die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, der politische Arm der Bruderschaft, mit. Doch die Islamisten sind gespalten: Ultra-konservative Parteien, wie die salafistische „Nur“ oder die „Islamische Gruppe“, schlossen sich dem Aufruf der säkularen Opposition zu einem „Marsch der Millionen“ am Dienstagnachmittag gegen die Militärs an. Nach langer Zeit werden somit in der der Mahmud Muhammad Straße, die den berühmten Tahrirplatz mit dem verhassten Innenministerium verbindet, wieder bärtige Islamisten neben jungen Bloggern, Sozialisten und Bürgerrechtlern demonstrieren. Deren Parteien hatten schon am Sonntag ihren Wahlkampf aus Protest eingestellt. In den Mittagsstunden strömten bereits Tausende Richtung Tahrirplatz, um das Ende der Armeeherrschaft zu fordern. Manche bereiteten sich auf die nächste Straßenschlacht vor: Junge Männer schrieben sich die Telefonnummern von Angehörigen auf ihre Unterarme, um als Leichnam leichter identifiziert werden zu können. Andere beschmierten ihre Gesichter mit einer Creme gegen Tränengas, oder stockten die Barrikaden auf, um für den neuen Kampf um die Macht in Ägypten gerüstet zu sein.
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