Vor vier Jahren atmete die Welt erleichtert auf. Ausgerechnet unter dem wagemutigen Präsidenten George Bush veröffentlichten die US-Geheimdienste im Jahr 2007 einen Bericht der feststellte, dass der Iran sein Atomprogramm bereits 2003 eingestellt habe. Die Veröffentlichung beruhigte viele Gemüter, rückte sie doch einen militärischen Präventivschlag gegen die islamische Republik und einen neuen Krieg im Nahen Osten in weite Ferne. Nun scheint es, als habe man sich zu früh gefreut. Ein neuer Bericht des Wachhunds der Vereinten Nationen, der Internationalen Atomenergie Organisation IAEO, soll in diesen Tagen den 35 Staaten im Aufsichtsrat vorgelegt werden. Laut Informationen, die Diplomaten im Vorfeld an Journalisten durchsickern ließen, wird er in bisher schärfster Form festhalten, dass der Iran auch nach 2003 den Bau einer Atombombe konsequent, mit einem hohen Grad an Entschlossenheit und Organisation weiterverfolgt. Die Bemühungen sollen erfolgreich gewesen sein: Bereits heute besitzt der Iran theoretisch genug spaltbares Material für bis zu fünf nukleare Sprengköpfe, und das Wissen, um solche Bomben innerhalb weniger Monate herzustellen. Es fehlt nur der Marschbefehl des Staatsoberhaupts Ali Khamenei.
Die meisten Inhalte des Berichts sind seit geraumer Zeit bekannt, nur wenig neue Informationen wurden im Vorfeld bekannt. Schon lang weiß man, dass der Iran Uran anreichert, schon vor Jahren ließen Quellen aus US-Geheimdiensten durchsickern, dass auf iranischen Computern Skizzen für den Bau eines Atomsprengkopfs gefunden worden seien. Doch es ist die Zusammenstellung der Details, die das iranische Regime scheinbar überführen. Erneut rückt die Militärbasis in Parchin, etwa 30 Kilometer außerhalb Teherans. Zwischen den unterirdischen Tunneln und dem weitläufigen Testgelände sollen die Iraner hier in einem Autobus-großen Stahlcontainer Experimente zur Zündung eines Atomsprengkopfes durchgeführt haben.
Doch es gibt auch Neuigkeiten. Das Wissen für die Zündung eines Sprengkopfes soll der Iran von einem Atomexperten aus der ehemaligen Sowjetunion erhalten haben. Fünf Jahre lang, so der IAEO Bericht, lehrte Vyacheslav Danilenko die Iraner, wie man die komplexe Sprengung eines Atomkopfes vornimmt und sie testet. Neben seinem Wissen kamen iranische Wissenschaftler in den Besitz eines Entwurfs eines R265 Generators – eine Halbkugel aus Aluminium, auf der Sprengsätze angebracht sind. Werden diese mit der Genauigkeit von Hundertsteln Sekunden gezündet, erzeugen sie die für eine Kernspaltung notwendige Dichte. Aus Pakistan erhielten die Iraner das Design eines Neutroneninitiators, der einen Teilchenstrahl erzeugt, der für die Zündung einer Atombombe notwendig ist. Ein Dokument im IAEO Bericht ist das Protokoll einer Sitzung iranischer Wissenschaftler im Jahr 2007, die einen Vier-Jahres Plan zur Entwicklung eines Neutroneninitiators beschließen. Darüber hinaus konstatiert der Bericht, dass Teheran versuchte, einen Atomsprengkopf zu entwerfen der klein genug ist, um auf eine Mittelstreckenrakete zu passen.
Der Iran verwarf die Verdachtsmomente als amerikanische und „zionistische“ Kabale: „Lasst sie doch den Bericht veröffentlichen. Wir werden ja sehen, was dann geschieht“, sagte Außenminister Ali Akbar Salehi. „Wir haben die Anschuldigungen bereits in einem 117 langen Bericht beantwortet. Alles, was sie behaupten, beruht auf Fälschungen“, so Salehi weiter. Präsident Mahmud Ahmadinedschad deutete den Bericht als Versuch, den Machtzuwachs Irans zu stoppen: „Wir besitzen größere militärische Fähigkeiten als alle anderen Staaten in dieser Region“, sagte er. „Die USA fürchten unsere Fähigkeiten. Aber der Iran wird keine Schritte gegen ihn dulden. […] Es sind die Zionisten, die bald nicht mehr existieren werden“, sagte Ahmadinedschad der ägyptischen Zeitung al-Akhbar.
Kommende Woche soll die IAEO über weitere Schritte gegen Teheran beraten. Die USA wollen den Bericht nutzen, um schärfere Sanktionen zu verhängen. Doch Washington scheint nicht willens, Irans Zentralbank und Ölindustrie anzugehen, um in Zeiten wirtschaftlicher Krise nicht den Ölpreis weltweit in die Höhe zu trieben. Russland und China standen bisher gegen schärfere Sanktionen oder eine militärische Option. So bleibt unklar, welche Handlungsmöglichkeiten dem Westen bleiben, um das voranpreschende iranische Atomprogramm zu stoppen. US-Präsident Barack Obama gelobte zwar, eine iranische Atombombe nicht zuzulassen. Bisher war er mit seiner Politik jedoch erfolglos: Bei seiner Amtsübernahme besaß der Iran genug spaltbares Material für eine Bombe, heute bereits für fünf.
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