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Written by Gil Yaron   
Tuesday, 06 January 2009
Wer ist die Hamas
 
 
 

Es hatte ein Zeichen der Standhaftigkeit sein sollen. Nach neun Tagen, in denen die Bevölkerung des umkämpften und belagerten Gazastreifens nichts von ihrer politischen Führung gehört hatte, veröffentlichte der Fernsehsender der Hamas am Montag eine Aufzeichnung mit einer Rede von Machmud a-Sahar, einem Führer des politischen Flügels der islamistischen Widerstandsbewegung. Doch ungeachtet der pompösen und trotzigen Durchhalteparolen gab der Hardliner und Verfechter des „Kampfes mit Allahs Hilfe“ eine erbärmliche Figur ab. Die Kamera stand schief, ein Tisch vor ihm wurde notdürftig von einer Decke bedeckt, die Tonqualität ließ ebenso zu wünschen übrig wie die Beleuchtung, die eine Neonröhre an der Decke spendete. Das Video, das Mut hatte machen sollen, zeigte die Not, in der die politische Führung der Hamas sich angesichts des israelischen Ansturms befindet.

Noch vor einem Monat war alles anders. Anlässlich des 20. Jahrestages ihrer Gründung hatte die Hamas zu Feiern geladen. Jeder siebte Bewohner Gazas, an die 200.000 Menschen, kam zur Party, auf der sich die Islamisten feiern ließen. Die Hamas war sicher, alle ihre Ziele erreichen zu können. Stolz marschierten die Kämpfer der As ad-Din al-Qassam Brigaden. In einer makabren Präsentation trat ein Schauspieler als der gefangene israelische Soldat Gilad Schalit auf die Bühne. Schalit wurde vor zweieinhalb Jahren in den Gazastreifen verschleppt. Man erniedrigte den Schauspieler vor den vor Freude quiekenden Massen und ließ ihn um seine Freilassung betteln. Die Hamas kam sich mächtig vor. Sie hatte tausende Raketen in ihren Depots, den Gazastreifen in der Hand, und Allah auf ihrer Seite. Jetzt musste sie nur noch Israel niederringen.

Dabei hatte alles sehr bescheiden begonnen. Einen großen Teil ihres Erfolges verdanken die Islamisten paradoxerweise ihrem Erzfeind Israel, der das Entstehen der Hamas, in Verkennung ihrer Gefährlichkeit, überhaupt erst ermöglichte. Solange Kairo den Landstrich beherrschte (1948-1967), war die Muslimbrüderschaft (MB), wie in Ägypten auch heute noch, verboten. Freiwillige der ägyptischen Mutterbewegung hatten am Krieg gegen den neu gegründeten Staat Israel teilgenommen. Doch sie richteten ihre Waffen bald gegen den ägyptischen Staat. Premierminister Mahmud Fahmi a-Nuqashri erkannte das revolutionäre Potential der Islamisten, für das Verbot zahlte er mit seinem Leben. Die Annäherung an Revolutionsführer Gamal Abd Nasser endete jäh nach einem weiteren Attentatsversuch eines Islamisten.

Das Verbot in Gaza endete mit dem Sechs-Tage Krieg, als Israel den gebeutelten Landstrich eroberte. In den Augen der Israelis ging von den stillen Männern mit den langen Bärten keine Gefahr aus. Sie ließen Gründervater Achmed Jassin gewähren. Als er 1968 zum unangefochtenen Führer der Bewegung gewählt wurde begann er mit der Umsetzung des ursprünglichen Fünf-Punkte-Plans, den die MB in Ägypten schon in den dreißiger Jahren ausgearbeitet hatte. An erster Stelle stand Erziehung. So sollte die ideologische Infrastruktur gelegt werden. Spätere Phasen widmeten sich der Mobilisierung von Kämpfern und Waffen, der finanziellen Vorbereitung, der Formierung militärischer Strukturen und schließlich der militärischen Ausbildung.

Doch davon war anfangs nichts zu merken. Im Gegenteil, die Israelis dachten, dass man sich der Islamisten bei der Kontrolle Gazas bedienen könne. Während die Kämpfer der weltlichen Fatah demonstrierten und Attentate verübten, kümmerte Jassin sich um Jugendarbeit und das Gebet in den Moscheen, deren Anzahl sich bis 1987 auf mehr als 1300 verdoppelte. Gewalt richtete die „Mudschamaa“ (arab. Gemeinschaft), die Hamas war noch nicht geboren, nicht gegen die Besatzer, sondern gegen Widersacher innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Seit 1980 terrorisierten ihre Schlägertrupps Kommunisten, später wurden Spirituosengeschäfte, Bars, Drogenhändler und andere vermeintlich „un-islamische“ Ziele Opfer der Übergriffe. Im Einklang mit ihrer puristischen Weltsicht zerstörten sie selbst Wallfahrtsstätten, deren Tradition auf vor-islamische Zeiten zurückging.

Es ist kein Zufall, dass der Name „Qassam Brigaden“ 1991 zum ersten Mal im Flüchtlingslager Nusseirat nach dem Mord an Achmed Matar, einem vermeintlichen Kollaborateur, auftauchte. Die Bestrebungen der Islamisten waren niemals nur auf die Vernichtung des verhassten „zionistischen Besatzers“ gerichtet, sondern in erster Linie gegen Andersdenkende. Die Hamas hielt ihr Programm 1988 in ihrer Charta fest. Artikel 8 mit dem Credo der Bewegung genügt, um ihren Geist zu verstehen:„Allah ist unser Ziel, Muhammad (der Prophet) unser Vorbild, der Koran unsere Verfassung, der Jihad unser Weg, und der Tod für die Sache Gottes unser erhabenster Wunsch.“ Die Rolle der Frau, der Kunst, oder Erziehung - alles ist diesem Kampf untergeordnet, dessen Ziel die „Herrschaft des Islam“ über ganz Palästina, im Klartext die Vernichtung Israels, ist. Dass die Hamas die „ketzerischen“ Fatahanhänger während des blutigen Putsches in Gaza vor anderthalb Jahren gefesselt vom Dach warf, Kinder vor den Augen der Eltern tötete oder Männern die Kniescheiben durchschoss bevor sie sie in die Gosse warf, war nur die logische Weiterentwicklung dieses ideologischen Kampfes, der vor 30 Jahren mit dem Einwerfen der Schaufenster von Videotheken begann.

Die Gewalt gegen die eigene Bevölkerung ist nur ein Aspekt, die Waffen der Qassam Brigaden sind in erster Linie gegen Israel gerichtet. Bei der Frage, welche Strategie dabei angewandt werden sollte, gibt es Unterschiede. Für Außenstehende ist es schwer, Differenzen auszumachen, denn öffentliche Debatten sind tabu. Ein Markenzeichen der Islamisten ist ihre Disziplin. Trotzdem ist die Hamas spätestens seit dem Tod Jassins, der 2004 von Israel in seinem Rollstuhl mit einem Luftangriff getötet wurde, keine monolithische Bewegung mehr, die nur einem Führer folgt. Die Aktivisten verheimlichen ihre Führungsstrukturen, um den Israelis ihre Politik der „gezielten Tötung“ zu erschweren. Bekannt ist nur, dass der „Schura“ (arab.: Beratung) Rat 60 gewählte Mitglieder haben soll, die die vier wichtigsten Gruppierungen innerhalb der Hamas vertreten: den Gazastreifen, das Westjordanland, die Insassen israelischer Gefängnisse und die palästinensische Diaspora. Ihr Bestreben ist, Entscheidungen einstimmig zu fällen. Doch die Befehlsstrukturen sind unklar.

Zwar gilt Khaled Maschal, Chef des Politbüros in Damaskus, als Führer der Organisation, doch wie viel Einfluss der Exilant auf den politischen oder militärischen Flügel in Gaza besitzt, bleibt unklar. Sein wichtigstes Machtmittel ist das Geld, das aus dem Iran und Syrien durch seine Hände nach Gaza fließt, und diplomatische Kontakte zur Außenwelt, die die Führung in Gaza aufgrund der israelischen Blockade kaum pflegen kann.

Die Führung in Gaza ist innerlich gespalten. Der militante Flügel wird von Ahmed al Jaabari angeführt, dem Kommandanten der etwa 15.000 Qassam Kämpfer. Er orchestrierte gemeinsam mit dem inzwischen getöteten Nisar Ghayan den blutigen Putsch gegen die Fatah und fährt den harten Kurs gegen Israel. Jaabari wird von Hardlinern der politischen Führung, Männern wie a-Sahar oder Minister Said Siam, der die Polizei befehligt, unterstützt, oder befohlen. Manche behaupten, dies geschehe gegen den Willen gemäßigter politischer Führer, wie Premier Ismail Haniyeh, der sich lieber mit Israel arrangieren würde um den Alltag der Bewohner Gazas zu verbessern. Jaabari soll Haniyeh zu Beginn des Putsches in Gaza in ein Zimmer gesperrt haben, um zu verhindern, dass der Premier ihm dazwischen fährt. Selbst wenn dieses Gerücht aus Gaza nicht stimmt, ist es doch Indiz dafür, wie die Menschen dort die Machtverhältnisse zwischen Premier und Milizchef einschätzen.

Man sollte dabei nicht irren. Die Unterschiede zwischen Haniyeh und Jaabari sind taktisch, nicht strategisch. Wer erwartet, dass Haniyeh Israels Existenzrecht anerkennt, wird enttäuscht werden. Der Premier ist jedoch bereit, sein Endziel eines Palästinenserstaates vom Jordan bis zum Mittelmeer für lange Zeit aufzuschieben. Ein langfristiger Waffenstillstand mit Israel ist nicht Haniyehs Weg, eine umfassende Friedenslösung für seine Anhänger mundgerecht zu umschreiben, sondern Ausdruck seines Willens, erst einmal die eigene Ausgangsposition und die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbessern zu wollen, bevor man Israel vernichtet. Jaabari und Sahar haben für so etwa keine Geduld, sie glauben, ihrem Volk kann es nur nach der Vernichtung Israels wohl ergehen.

Doch die Hamas ist mehr als rohe Gewalt. Sie ist ein soziales Netz, mit dem sie ihre Anhänger von Geburt bis zum Tod umgarnt. Kindergärten, Kaffeehäuser, islamische Bekleidungsgeschäfte, Karateschulen, Sportzentren, Computerfirmen, Druckereien und Universitäten nutzte die Hamas, um die Armen an sich zu binden, während die Kader der Fatah sich von ihrem Vorsitzenden Jassir Arafat teure Hochzeiten und prächtige Villen finanzieren ließen. Bis heute bleiben an der Hamas keine Vorwürfe über Korruption haften: gerade ihre Unbestechlichkeit macht sie so bestechend.

Ihre Macht rührt von einer breiten Basis, von kostenlosen Ferienlagern, die sie organisiert, oder Kliniken, die arme Familien kostenlos behandeln. Ihr guter Kontakt zur Bevölkerung ließ sie als erste die spontanen Unruhen, die im Dezember 1987 in den besetzten Gebieten ausbrachen, als historischen Wendepunkt, die Intifada, erkennen. Damals gründete Jassin die „Harakat al Muqawama al Islamiya“, die islamische Widerstandsbewegung, deren Akronym „Hamas“ auf Arabisch Eifer bedeutet. Diesen engen Kontakt zur Bevölkerung und die Anerkennung begann sie erst nach dem blutigen Putsch zu verlieren, der auch erstmals die scharfen Differenzen innerhalb der Organisation an den Tag legte. Noch ist offen, ob der israelische Angriff auf Gaza diese Kluft vertieft, oder die Menschen erneut in die Arme der Islamisten treibt.

© 2009 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable
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