Ein einziger Aspekt bestimmte bis vor kurzem die Sichtweise Israels bezüglich der Wahlen und Unruhen in Teheran. “Die iranische Bedrohung”, sprich das suspekte Atomprogramm eines Landes, dessen Präsident wiederholt Israels Existenzrecht in Frage gestellt hatte, beherrscht hier den politischen Diskurs und stellt alle anderen Herausforderungen in den Schatten. Parteien des gesamten politischen Spektrums sind sich darin einig, dass von den nuklearen Bemühungen Teherans die größte Bedrohung für den Fortbestand des Staates ausgeht. Bislang leuchtete man deswegen die Unruhen im Land der Mullahs einzig von dieser Warte aus. Doch seitdem die Massen in Teheran nicht mehr nur gegen Staatspräsident Machmud Achmadinedschad auf die Straße gehen, sondern auch Parolen gegen den geistlichen Führer Ali Khamenei skandieren, erwacht langsam ein für Israel ungewöhnlicher Optimismus. Die Umwälzungen im Iran könnten weit reichende Konsequenzen für den Staat der Juden haben.
Bis zum Samstag übten sich die meisten israelischen Sprecher in Pessimismus:“Wir sollten uns nicht selbst in die Irre führen“, mahnte Verteidigungsminister Ehud Barak. Achmadinedschads Gegner, der Reformistenkandidat Mir Hussein Mussawi, stelle bezüglich des iranischen Atomprogramms und der Machtpolitik der Mullahs keinen grundsätzlichen Wandel dar. „Was immer auch geschieht, dies ist ein Ayatollah Regime. Auch Mussawi ist ein fundamentalistischer Muslim“, sagte der Geheimdienstchef Meir Dagan. Immer wieder erinnerten Kommentare und Analysen daran, dass der Iran schließlich während der Amtszeit Mussawis das Atomprogramm wieder aufgenommen habe. Selbst wenn es zu einem Machtwechsel kommen sollte, werde der Iran an seinem Atomprogramm festhalten und „bis zum Jahe 2014 eine einsatzfähige Atombombe besitzen“, so Dagan weiter. Wichtige Fragen würden im Iran nicht vom Präsidenten, sondern von Khameini entschieden. Eine Kursänderung, wie die Einstellung der Unterstützung für Israels Todfeinde wie Hisbollah oder Hamas, seie deswegen in jedem Fall unwahrscheinlich. Außerdem würden die Demonstrationen im Iran sehr bald sowieso abflauen, sagte Dagan weiter.
Vor diesem Hintergrund schien den meisten Israelis ein Wahlsieg Achmadinedschads recht. Es werde Israel leichter fallen, der Welt die iranische Bedrohung zu veranschaulichen, solange ein Hardliner wie er das Ruder in der Hand halte, sagte Dagan. „Wenn die atomaren Bestrebungen Teherans ein unveränderlicher Umstand sind, ist es für Israel bequemer, wenn Iran von einem Mann beherrscht wird, der seinen weltweiten Machtanspruch unmissverständlich zum Ausdruck bringt. Wenn er dann auch noch seine eigene Bevölkerung brutal unterdrückt, ist das für Israel ein PR-Bonus“, sagt der Professor Dan Schüften, Leiter des Forschungsinstituts für Nationale Sicherheit an der Haifa Universität.
Zwar wiesen Kommentare immer wieder darauf hin, dass Achmadinedschad ja auch in den vergangenen vier Jahren den Iran regiert habe, und dies den diplomatischen Bemühungen für eine Verschärfung der Sanktionen gegen Teheran keinen Erfolg beschert habe. Aber da nicht viel Zeit bleibe, um Irans „Amoklauf auf die Atombombe“ zu stoppen, schätzte der ehemalige Chef des militärischen Geheimdienstes Zeevi Farkash, dass „kurzfristig besser ist, wenn der Iran weiterhin von jemanden geführt, den man bereits kennt und auf den man sich einstellen kann, also Achmadinedschad“.
Spätestens seit Samstag jedoch ist ein klarer Riss in der traditionell pessimistischen Haltung erkennbar. Schon vorher hatten israelische Medien die Ereignisse in Teheran mit wachsender Bewunderung verfolgt. Der Iran, bis vor einer Woche ein gefährlicher, monolithischer Moloch, der Israels Existenz bedroht, wird den Israelis immer mehr in seiner ganzen Komplexität näher gebracht. Bis vor einer Woche sei der Feind klar erkennbar gewesen, kommentierte zynisch die liberale Tageszeitung Haaretz. Doch nun „hebt Teheran in einer Straße die Faust gegen Amerika und Israel, und demonstriert in einer Nebenstraße für Menschenrechte und Demokratie. Herrgottnochmal! Wen soll man da noch bombardieren?“, spottete der Kommentar. Doch nicht nur die liberale Presse öffnet sich dem Iran. Gerade der als Hardliner bekannte Minister für strategische Angelegenheiten Mosche Yaalon bildete mit seiner Einschätzung den Auftakt:“Es wird eine Revolution im Iran geben. Etwa 70% der Iraner sind gegen das Regime.“
Während Yaalon jedoch der Meinung ist, dass eine Revolution „in der Frage des Atomprogramms nichts verändern wird“, mehren sich inzwischen andere Stimmen. „Der Kampf gegen das Regime ist wichtiger als der gegen die Atombomben“, sagte Staatspräsident Schimon Peres. Implizit äußerte Peres damit die Hoffnung, dass die Revolution im Iran nicht nur einen Islamisten mit einem anderen Fundamentalisten ersetzen, sondern vielleicht sogar das Regime der Ayatollahs stürzen könnte. „Die strategische Hoffnung ist auf ein freundliches Regime in Teheran“, sagt Schüftan. So scheint Tel Aviv zu beginnen, von der Erneuerung eines alten Bündnisses zu träumen. Bis zur islamischen Revolution im Jahr 1979 waren Israel und der Iran des Schahs strategische Partner mit engen militärischen und wirtschaftlichen Beziehungen. Wäre Revolutionsführer Ayatollah Khomeini Israel nicht zuvor gekommen, hätte Jerusalem den Iran sogar mit Langstreckenraketen ausgerüstet. Immer wieder betonen israelische Politiker, dass man als nicht-arabische Staaten in einem arabischen Raum viele gemeinsame Interessen teile, zumal zwischen Israel und Iran keine Grenzkonflikte bestehen. Doch noch ist es zu früh, um sich solchen Träumen hinzugeben. Selbst der unverbesserliche Optimist Peres erklärte schließlich, dass man noch nicht absehen könne, was zuerst verschwinden würde, das Regime oder das angereicherte Uranium.