Hisbollah agiert in Kairo
Die Beziehungen zwischen den gemäßigten sunnitischen Regimen im Nahen Osten, allen voran Ägypten, und den Schiiten unter iranischer Führung haben einen neuen Tiefpunkt erreicht. Die regimetreue ägyptische Tageszeitung „al Gumhuriyah“ (die Republik) machte gestern (Freitag) unmissverständlich klar, wer der größte Feind Ägyptens sei. Der Führer der vom Iran gestützten libanesischen Hisbollahmiliz Hassan Nasrallah sei ein „Gräberspekulant“, ein blutsaugendes Vampir, zusammenfassend sogar „schlimmer als die Israelis“. Auslöser der neuesten Krise ist die Verhaftung eines Spionagerings von 49 angeblichen Hisbollahagenten, die laut Angaben der ägyptischen Staatsanwaltschaft Anschläge im Land der Pyramiden planten. Ihre Haft wurde gestern um 15 Tage verlängert.
Die Verhaftung habe „einen Plan vereiteln können, der wichtige Installationen und touristische Attraktionen zum Ziel hatte“, erklärte Generalstaatsanwalt Abd al Magid Machmud der staatlichen Zeitung „al Aharam“ (die Pyramiden). Seit November wurden demnach 49 Männer aus Palästina, Sudan, Syrien, Israel, dem Iran und dem Libanon festgenommen. Dem Ring wird vorgeworfen, den schiitischen Glauben verbreitet, Attentate vorbereitet, ägyptische Reisedokumente gefälscht und Waffen nach Ägypten geschmuggelt zu haben. Laut Berichten aus der ägyptischen Presse hätten die Spione bereits Wohnungen im Sinai angemietet, den Touristenverkehr ausgekundschaftet und Ziele ausgesucht haben. Dies soll auf direkte Anweisung von Hisbollahführer Nasrallah geschehen sein, der am 28. Dezember seinem eigenen Geheimdienst Angriffe in Ägypten aufgetragen haben soll. Die Hisbollah wies die Vorwürfe aus Kairo auf ihrer Webseite zurück. Nasrallah wollte nach Redaktionsschluss am Abend zu den Vorwürfen in einer Fernsehansprache Stellung nehmen.
Die Eskalation begann im Januar mit der israelischen Offensive gegen die Hamas im Gazastreifen. Damals hatte Nasrallah die Regierung in Kairo als Verräter gebrandmarkt, weil sie den Grenzübergang nach Gaza nicht öffnete und dem Angriff zugestimmt haben soll. Er forderte die Ägypter dazu auf, die Grenze unter Einsatz ihres eigenen Lebens gegen den Willen ihrer Regierung zu durchbrechen.
Die Spaltung reicht jedoch tiefer. Kairo betrachtet die Hisbollah als Speerspitze des Ayatollahregimes im Iran. Die islamische Republik ringt als Vorkämpferin extremistischer Elemente mit dem gemäßigten Ägypten, dem wichtigsten Verbündeten des Westens, um die Vormachtstellung im Nahen Osten. Kairo und Teheran unterhalten kaum diplomatischen Beziehungen, seitdem Ägypten 1979 einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnete. In Teheran wurde sogar der Islambulli Boulevard nach dem Mörder des ägyptischen Staatspräsidenten Anwar Sadat benannt. Immer wieder tauschen Teheran und Kairo Beleidigungen aus. Ägyptens Präsident Hosni Mubarak weigerte sich, an einem Gipfel der arabischen Liga teilzunehmen, zu der auch Irans Präsident Machmud Achmadinedschad eingeladen war.
Doch das ägyptische Regime sorgt sich nicht bloß um seine Vormachtstellung, sondern auch um das blanke Überleben. Im Inland wächst der Unmut über das autoritäre Regime, das seit dreißig Jahren das Land mit Hilfe des Ausnahmezustands regiert. Erst vor wenigen Tagen gelang es tausenden Polizisten nur mühsam, einen landesweiten Protest zu unterbinden. Trotzdem wird die verbotene Opposition der islamistischen Muslimbrüder immer stärker. Die Muslimbrüder verstehen sich als natürliche Verbündete der Extremisten in Nahost, wie der Hisbollah, der Hamas im Gazastreifen und dem Iran. Vor diesem Hintergrund wird der stete Fortschritt des iranischen Atomprogramms in Kairo mit großer Sorge beobachtet.
Ein Sprecher der Muslimbrüder erklärte die Vorwürfe der Ägypter für erfunden und erlogen, Kairo sei über die Annäherung Washingtons und Teherans besorgt. Nachdem Marokko vor wenigen Monaten bereits die diplomatischen Beziehungen zum Iran gekappt hat, ist die Hisbollahaffäre in Ägypten ein weiteres Anzeichen für die wachsenden Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten in der Region.
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