Kaum sechs Stunden waren vergangen, nachdem die Waffen im Gazastreifen wieder schwiegen, da begannen sich die Straßen im Markt von Gaza-Stadt wieder zu füllen. Doch nach 22 Tagen andauernden Krieges atmeten nur wenige der 1,4 Million Bewohner des Landstrichs erleichtert auf. Viele waren damit beschäftigt, Verwandte oder Freunde zu beerdigen. An anderen Stellen holte man insgesamt rund 100 verwesende Leichen aus den Trümmern. Sie hatten im Kampf nicht geborgen werden können.
Manchen Bewohnern Gazas gönnten sich ein wenig Ruhe:„Heute Nacht konnten wir endlich schlafen“, sagte Muhammad Dawas, ein Journalist aus Gaza. Noch surrten israelische Drohnen im Himmel, doch die israelischen Truppen hatten sich aus den dicht bewohnten Gegenden zurückgezogen. Israels Premier Ehud Olmert hatte Samstagabend überraschend eine einseitige Waffenruhe verkündet:„Wir haben unsere Ziele erreicht, viele sogar übertroffen“, sagte der Premier. Deswegen habe er der persönlichen Bitte des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubaraks nachgegeben und eine einseitige Waffenruhe angeordnet. „Sollte die Hamas jedoch den Beschuss fortsetzen, werden wir ohne zu zögern zurückschlagen“, warnte Olmert. Israelische Truppen würden Gaza erst verlassen, wenn der Waffenstillstand gesichert und ein Mechanismus zur Sicherung der Grenze zu Ägypten etabliert sei.
So stand die einseitige Waffenruhe auf wackeligen Beinen. Anfangs schien die Hamas entschlossen, das israelische Angebot auszuschlagen:„Wenn wir nicht das bekommen, was wir wollen, werden wir weiter schießen“, sagte Hamassprecher im Libanon Osama Hamdan. „Wir werden Israels Konditionen auf keinen Fall akzeptieren“, wetterte Hamasführer Khaled Maschal noch am Freitag auf einem arabischen Gipfel heroisch. Stunden nach Inkrafttreten der Waffenruhe feuerte die Hamas 15 Projektile auf israelische Städte ab, ihre Kämpfer griffen israelische Soldaten beim Rückzug an. „Wir werden kämpfen, bis der letzte israelische Soldat Gaza verlassen hat. Egal, was die Israelis uns dafür abverlangen“, sagte Hamassprecher Fauzi Barhum noch Sonntagmorgen.
Doch in der Bevölkerung in Gaza stieß der Wille der Islamisten, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen, auf wenig Sympathie. Am Tag danach wurde vielen erstmals das Ausmaß der Zerstörung bewusst. Etwa 15% der Häuser im Landstrich sollen beschädigt oder zerstört worden sein, mehr als 40.000 Menschen sind obdachlos geworden. Schätzungen sprechen von mehr als 1200 Toten. „Wir alle wollen die Waffenruhe“, sagte Kamal Masleh, ein 46-jähriger Lehrer, unserer Zeitung während er am Markt von Gaza versuchte, über den Preis der überteuerten Lebensmittel zu verhandeln. Er hatte sich 22 Tage lang mit Frau und sechs Kindern in seiner Wohnung versteckt gehalten. „Hätte die Hamas gewusst, dass die Israelis so reagieren, hätten sie niemals den Waffenstillstand gebrochen“, schätzte er. „Ich war von Anfang an gegen den Raketenbeschuss“, sagte dazu Imad Khalil, ein 36-jähriger Bauarbeiter aus Gaza-Stadt. „Sie lieferten Israel den Vorwand, uns anzugreifen. Die Hamas mag gut kämpfen, aber sie wird Israel nie besiegen können. Hoffentlich macht keine Organisation diesen Waffenstillstand zunichte“, sagte Khalil.
Am Nachmittag gab sich die Hamas schließlich geschlagen. Maschal erklärte in Damaskus, dass die Hamas einen einwöchigen Waffenstillstand einhalten werde. So lange hätten die Israelis Zeit, um sich aus Gaza zurückzuziehen und alle Grenzübergänge zu öffnen. Später erklärten auch die anderen palästinensischen Widerstandsorganisationen, dass sie sich der Waffenruhe anschließen würden.
Neben dem Druck von der Bevölkerung schätzten hochrangige israelische Militärs gestern im Gespräch mit unserer Zeitung, dass der Wandel bei der Hamasführung eintrat, nachdem sie begann, Inventar von den Schäden aufzunehmen:„Wir haben hunderte ihrer Kämpfer getötet, einen Großteil ihrer Nachschublinien zerstört, und die Infrastruktur ihres militärischen und Regierungsapparats schwer beschädigt“, sagte der Offizier im vertraulichen Gespräch. Für das Militär hatte der Krieg regionale Konsequenzen:„Dies war der zweite indirekte Krieg zwischen Israel und dem Iran“, sagte der Offizier. Wie auch bei der Hisbollah im Libanon seien die Fingerabdrücke der iranischen Revolutionswächter überall sichtbar gewesen:„ Ausbildung, Finanzen, Ausrüstung – alles kam aus Teheran oder war iranisches Know-How“. So seien beispielsweise die Grad-Raketen, mit denen die Hamas israelische Großstädte beschossen hatte, in den vergangenen Monaten aus dem Iran über den Sinai nach Gaza gelangt. In dieser Runde sei der Sieg an Israel gegangen:„Sie haben verstanden, zu was wir fähig sind, und wollen jetzt noch retten, was zu retten ist“, sagte der Offizier.
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